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Gewichtszunahme: Ein zentrales Thema bei Antidepressiva
In der klinischen Praxis begegne ich häufig Patientinnen und Patienten, die bei Beginn einer antidepressiven Therapie ausgeprägte Bedenken hinsichtlich einer möglichen Gewichtszunahme äußern. Diese Sorge ist angesichts der mit Gewichtszunahme assoziierten metabolischen Risikofaktoren durchaus berechtigt. Die Beratung gestaltet sich jedoch schwierig, da die Beziehung zwischen Depression und Körpergewicht komplex ist.
Eine unbehandelte Depression kann Appetit und psychomotorische Aktivität auf vielfältige Weise beeinflussen, was es erschwert, die direkten Auswirkungen von Antidepressiva auf das Körpergewicht zu isolieren.
Eine neue, in den Annals of Internal Medicine veröffentlichte Studie versucht nun, diese Frage durch einen systematischen Vergleich von Gewichtsveränderungen unter verschiedenen Antidepressiva zu beantworten.
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Studiendesign in Anlehnung an klinische Studien
Die Studie verwendete ein sogenanntes Target-Trial-Emulation-Design, das die Methodik und Einschlusskriterien einer randomisierten Studie anhand einer retrospektiven Auswertung von Patientenakten nachzubilden versucht.
Die Forschenden analysierten Daten von über einer Million Patientinnen und Patienten, die in den 2010er-Jahren mit einem Antidepressivum behandelt wurden. In die Auswertung eingeschlossen wurden schließlich 183.000 Patientinnen und Patienten, die folgende spezifische Kriterien erfüllten:
• Monotherapie mit einem von acht häufig verschriebenen Antidepressiva • Alter zwischen 20 und 80 Jahren • Vorhandensein einer Ausgangsgewichtsmessung innerhalb von drei Monaten nach Therapiebeginn
Ausschlusskriterien umfassten Erkrankungen mit relevantem Einfluss auf das Körpergewicht, wie Karzinome, Schwangerschaft oder eine kürzlich durchgeführte bariatrische Operation.
Obwohl kein echtes Randomisierungsverfahren angewandt wurde, liefert dieser Ansatz wertvolle Erkenntnisse zu antidepressivabedingten Gewichtsveränderungen.
Escitalopram mit stärkster Gewichtszunahme
Nach Adjustierung für verschiedene Einflussfaktoren ergab die Studie Folgendes:
• Patientinnen und Patienten unter Escitalopram wiesen die stärkste Gewichtszunahme auf: 1,03 kg mehr als unter Sertralin nach sechs Monaten • Unter Bupropion zeigte sich eine Gewichtsabnahme von 0,8 kg gegenüber Sertralin • Die übrigen Antidepressiva zeigten keinen signifikanten Unterschied gegenüber Sertralin
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Intention-to-Treat-Analyse zeigt differenziertes Bild
Da die Therapieadhärenz zwischen 28 % und 41 % variierte, führten die Forschenden ergänzend eine Intention-to-Treat-Analyse durch. Diese erbrachte folgende Ergebnisse:
• Escitalopram führte weiterhin zur stärksten Gewichtszunahme: 0,41 kg mehr als unter Sertralin • Paroxetin, Duloxetin, Venlafaxin und Citalopram waren ebenfalls mit einer etwas stärkeren Gewichtszunahme als Sertralin assoziiert • Fluoxetin zeigte keinen signifikanten Unterschied gegenüber Sertralin • Unter Bupropion war die Gewichtszunahme 0,22 kg geringer als unter Sertralin
Klinisch relevante Gewichtszunahme
Darüber hinaus untersuchte die Studie das Risiko einer Gewichtszunahme von mehr als 5 % des Körpergewichts:
• Escitalopram, Paroxetin und Duloxetin wiesen ein 10–15 % höheres Risiko auf • Bupropion zeigte ein um 15 % reduziertes Risiko
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Unerwartete Befunde und Limitationen
Bemerkenswert erscheint, dass Patientinnen und Patienten unter Escitalopram eine deutlich stärkere Gewichtszunahme aufwiesen als jene unter Citalopram – obwohl Citalopram das racemische Gemisch darstellt, von dem Escitalopram das aktive S-Enantiomer ist. Dies wirft Fragen hinsichtlich möglicher Störvariablen oder unbekannter pharmakologischer Eigenschaften des R-Enantiomers auf.
Obwohl diese groß angelegte Beobachtungsstudie wertvolle Erkenntnisse liefert, ist anzumerken, dass Mirtazapin – ein Antidepressivum, das häufig mit Gewichtszunahme assoziiert wird – aufgrund seiner seltenen Anwendung in der Studienpopulation nicht berücksichtigt werden konnte.
Klinische Implikationen
Bei der Auswahl eines Antidepressivums sollte das Gewichtszunahmepotenzial als ein relevanter Faktor unter vielen in die Therapieentscheidung einfließen. Für Patientinnen und Patienten mit einer Major Depression, die sexuelle Nebenwirkungen vermeiden möchten und von einer verbesserten Konzentrationsfähigkeit profitieren würden, stellt das reduzierte Gewichtszunahmerisiko unter Bupropion einen zusätzlichen therapeutischen Vorteil dar.
Insgesamt bietet diese Studie eine praxisrelevante Orientierungshilfe, die es uns ermöglicht, unsere Patientinnen und Patienten fundierter über potenzielle Gewichtsveränderungen unter den verschiedenen Antidepressiva zu informieren.
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Abstract
Zusammenfassung des Originalartikels, in englischer Sprache wiedergegeben.
Medication-Induced Weight Change Across Common Antidepressant Treatments: A Target Trial Emulation Study
Joshua Petimar, ScD; Jessica G. Young, PhD; Han Yu, PhD; Sheryl L. Rifas-Shiman, MPH; Matthew F. Daley, MD; William J. Heerman, MD, MPH; David M. Janicke, PhD; W. Schuyler Jones, MD; Kristina H. Lewis, MD, MPH; Pi-I D. Lin, ScD; Carly Prentice, NP; John W. Merriman, MD, MPH; Sengwee Toh, ScD; and Jason P. Block, MD, MPH
Background
Antidepressants are among the most commonly prescribed medications, but evidence on comparative weight change for specific first-line treatments is limited.
Objective
To compare weight change across common first-line antidepressant treatments by emulating a target trial.
Design
Observational cohort study over 24 months.
Setting
Electronic health record (EHR) data from 2010 to 2019 across 8 U.S. health systems.
Participants
183 118 patients.
Measurements
Prescription data determined initiation of treatment with sertraline, citalopram, escitalopram, fluoxetine, paroxetine, bupropion, duloxetine, or venlafaxine. The investigators estimated the population-level effects of initiating each treatment, relative to sertraline, on mean weight change (primary) and the probability of gaining at least 5% of baseline weight (secondary) 6 months after initiation. Inverse probability weighting of repeated outcome marginal structural models was used to account for baseline confounding and informative outcome measurement. In secondary analyses, the effects of initiating and adhering to each treatment protocol were estimated.
Results
Compared with that for sertraline, estimated 6-month weight gain was higher for escitalopram (difference, 0.41 kg [95% CI, 0.31 to 0.52 kg]), paroxetine (difference, 0.37 kg [CI, 0.20 to 0.54 kg]), duloxetine (difference, 0.34 kg [CI, 0.22 to 0.44 kg]), venlafaxine (difference, 0.17 kg [CI, 0.03 to 0.31 kg]), and citalopram (difference, 0.12 kg [CI, 0.02 to 0.23 kg]); similar for fluoxetine (difference, -0.07 kg [CI, -0.19 to 0.04 kg]); and lower for bupropion (difference, -0.22 kg [CI, -0.33 to -0.12 kg]). Escitalopram, paroxetine, and duloxetine were associated with 10% to 15% higher risk for gaining at least 5% of baseline weight, whereas bupropion was associated with 15% reduced risk. When the effects of initiation and adherence were estimated, associations were stronger but had wider CIs. Six-month adherence ranged from 28% (duloxetine) to 41% (bupropion).
Limitation
No data on medication dispensing, low medication adherence, incomplete data on adherence, and incomplete data on weight measures across time points.
Conclusion
Small differences in mean weight change were found between 8 first-line antidepressants, with bupropion consistently showing the least weight gain, although adherence to medications over follow-up was low. Clinicians could consider potential weight gain when initiating antidepressant treatment.
Primary Funding Source
National Institutes of Health.
Referenz
Petimar, J.; Young, J.; Yu, H.; Rifas-Shiman, S.; Daley, M.; Heerman, W. et al. (2024). Medication-Induced Weight Change Across Common Antidepressant Treatments. Annals of Internal Medicine; 177(8):993-1003.
