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GLP-1-Rezeptoragonisten: Vielversprechender Therapieansatz bei Alkoholgebrauchsstörung
Heute möchte ich eine vielversprechende neue Behandlungsoption für die Alkoholgebrauchsstörung (AUD) vorstellen.
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Aktuelle Pharmakotherapie der AUD: Begrenzte Wirksamkeit
Derzeit stehen drei von der FDA zugelassene Medikamente zur Behandlung der AUD zur Verfügung:
• Disulfiram (zugelassen seit 1951) • Acamprosat • Naltrexon
Keines dieser Medikamente ist jedoch breit wirksam oder weit verbreitet im Einsatz. Disulfiram wird aufgrund schwerwiegender, potenziell lebensbedrohlicher Nebenwirkungen bei Alkoholkonsum kaum verwendet.
Acamprosat und Naltrexon weisen ein besseres Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil auf, zeigen jedoch nur eine mäßige Wirksamkeit.
GLP-1-Rezeptoragonisten: Ein neuer Therapieansatz
Angesichts der Einschränkungen bestehender Behandlungsoptionen besteht erhebliches Interesse an einer neuen Substanzklasse: den Glucagon-like Peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-Rezeptoragonisten).
Die wichtigsten Vertreter dieser Klasse sind:
• Semaglutid (Handelsnamen Ozempic und Wegovy) • Liraglutid (Handelsname Saxenda)
Derzeit ist Semaglutid von der FDA für Typ-2-Diabetes und Gewichtsreduktion zugelassen, während Liraglutid ausschließlich zur Gewichtsreduktion zugelassen ist. Für die Behandlung der AUD ist keines der beiden Medikamente von der FDA zugelassen.
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Evidenz für GLP-1-Rezeptoragonisten
Das Interesse an diesen Substanzen stützt sich auf zwei Evidenzlinien:
- Studien an Nagetieren und Primaten zeigten, dass GLP-1-Rezeptoragonisten den Alkoholkonsum signifikant reduzierten.
- Einige Patienten, die GLP-1-Rezeptoragonisten zur Gewichtsreduktion einnehmen, berichten über eine deutlich verminderte Craving-Intensität gegenüber Alkohol.
Versorgungsnahe Evidenz: Schwedische Studie
Eine Studie von Lahteenvuo und Kollegen liefert versorgungsnahe Evidenz für das Potenzial von GLP-1-Rezeptoragonisten in der Behandlung der AUD. Die Forschenden nutzten die umfassenden bevölkerungsbasierten Register Schwedens und untersuchten 227.000 Personen mit alkoholbezogenen Störungen, darunter knapp 8.000, denen ein GLP-1-Rezeptoragonist verschrieben worden war.
Von den Patienten mit GLP-1-Rezeptoragonisten-Verordnung erhielten:
• 54 % Semaglutid • 31 % Liraglutid • 15 % andere GLP-1-Rezeptoragonisten
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Signifikante Reduktion alkoholbedingter Krankenhauseinweisungen
Die Studie ergab, dass Patienten mit einer GLP-1-Rezeptoragonisten-Verordnung während der Einnahmeperioden ein signifikant um ein Drittel reduziertes Risiko für Krankenhauseinweisungen aufgrund alkoholbezogener Störungen aufwiesen im Vergleich zu Perioden ohne Einnahme.
Dieser Vergleich wurde statistisch für Verordnungen von Psychopharmaka oder Antidiabetika adjustiert.
Demgegenüber war die Verordnung eines zugelassenen AUD-Medikaments (Acamprosat, Disulfiram oder Naltrexon) lediglich mit einer bescheidenen Risikoreduktion für Krankenhauseinweisungen von 2 % assoziiert.
Methodische Stärken: Bevölkerungsbasiertes Studiendesign
Die Studie weist mehrere methodische Stärken auf, die mein Vertrauen in die Befunde stärken. Die Verfügbarkeit von Daten, die nahezu die gesamte nationale Bevölkerung über den Beobachtungszeitraum abdecken, eliminiert weitgehend Verzerrungen durch Stichprobenverfahren und Studienabbrüche.
Eine weitere Stärke ist das anspruchsvolle Within-Participant-Design. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer diente als eigene Kontrollperson, wobei Zeiträume mit Medikamenteneinnahme mit Zeiträumen ohne Einnahme verglichen wurden. Damit werden Confounding-Effekte durch soziodemografische oder klinische Unterschiede zwischen den Teilnehmenden eliminiert.
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Limitationen: Population und Diagnosestellung
Die Studie weist auch Limitationen auf. Der schwedischen Bevölkerung fehlt die ethnische und kulturelle Diversität der US-amerikanischen Bevölkerung; lediglich 6 % der Studienteilnehmenden gaben eine nicht-europäische Herkunft an.
Eine weitere Limitation besteht in der Verwendung von Diagnosen aus Krankenakten, die möglicherweise weniger präzise sind als solche, die in Forschungsumgebungen von geschultem Personal gestellt werden. Zudem verwendete die Studie eine breite Definition alkoholbezogener Störungen, die nicht auf die AUD allein beschränkt war.
Zukünftige Forschung und klinische Implikationen
Obwohl GLP-1-Rezeptoragonisten als Behandlungsoption bei AUD vielversprechend sind, sind noch mehrere Jahre weiterer Arzneimittelentwicklung erforderlich, bevor eine FDA-Zulassung und der klinische Einsatz realistisch erscheinen.
Dazu gehören Phase-2- und Phase-3-randomisierte, placebokontrollierte klinische Studien (RCTs) zur Bewertung von Sicherheit, Wirksamkeit und Verträglichkeit dieser Medikamente bei Patienten ohne Diabetes oder Adipositas.
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Zur Vorsicht beim Off-Label-Einsatz geraten
In der Zwischenzeit sollten Ärztinnen und Ärzte bei der Erwägung einer Off-Label-Verschreibung dieser Medikamente äußerste Zurückhaltung walten lassen. Persönlich würde ich den Einsatz eines GLP-1-Rezeptoragonisten erst dann in Betracht ziehen, wenn ein Patient eindeutig nicht ausreichend auf ein oder mehrere FDA-zugelassene AUD-Medikamente angesprochen hat.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit bei diesem Quick Take zum Potenzial von GLP-1-Rezeptoragonisten in der Behandlung der Alkoholgebrauchsstörung.
Abstract
Zusammenfassung des Originalartikels, in englischer Sprache wiedergegeben.
Repurposing Semaglutide and Liraglutide for Alcohol Use Disorder
Markku Lähteenvuo, MD, PhD; Jari Tiihonen, MD, PhD; Anssi Solismaa, MD, PhD; Antti Tanskanen, PhD; Ellenor Mittendorfer-Rutz, PhD; Heidi Taipale, PhD
Importance
Preliminary studies suggest that glucagon-like peptide-1 receptor (GLP-1) agonists, used to treat type 2 diabetes and obesity, may decrease alcohol consumption.
Objective
To test whether the risk of hospitalization due to alcohol use disorder (AUD) is decreased during the use of GLP-1 agonists compared with periods of nonuse for the same individual.
Design, Setting, and Participants
This cohort study was an observational study conducted nationwide in Sweden using data from January 2006 to December 2023. The population-based cohort was identified from registers of inpatient care, specialized outpatient care, sickness absence, and disability pension. Participants were all residents aged 16 to 64 years who had a diagnosis of AUD.
Exposures
The primary exposure was use of individual GLP-1 agonists (compared with nonuse of GLP-1 agonists), and the secondary exposure was medications with indication for AUD.
Main Outcomes and Measures
The primary outcome was AUD hospitalization analyzed in a Cox regression within-individual model. Secondary outcomes were any substance use disorder (SUD)-related hospitalization, somatic hospitalization, and suicide attempt.
Results
The cohort included 227 866 individuals with AUD; 144 714 (63.5%) were male and 83 154 (36.5%) were female, with a mean (SD) age of 40.0 (15.7) years. Median (IQR) follow-up time was 8.8 (4.0-13.3) years. A total of 133 210 individuals (58.5%) experienced AUD hospitalization. Semaglutide (4321 users) was associated with the lowest risk (AUD: adjusted hazard ratio [aHR], 0.64; 95% CI, 0.50-0.83; any SUD: aHR, 0.68; 95% CI, 0.54-0.85) and use of liraglutide (2509 users) with the second lowest risk (AUD: aHR, 0.72; 95% CI, 0.57-0.92; any SUD: aHR, 0.78; 95% CI, 0.64-0.97) of both AUD and SUD hospitalization. Use of any AUD medication was associated with a modestly decreased risk (aHR, 0.98; 95% CI, 0.96-1.00). Semaglutide (aHR, 0.78; 95% CI, 0.68-0.90) and liraglutide (aHR, 0.79; 95% CI, 0.69-0.91) use were also associated with decreased risk of somatic hospitalizations but not associated with suicide attempts (semaglutide: aHR, 0.55; 95% CI, 0.23-1.30; liraglutide: aHR, 1.08; 95% CI, 0.55-2.15).
Conclusions and Relevance
Among patients with AUD and comorbid obesity/type 2 diabetes, the use of semaglutide and liraglutide were associated with a substantially decreased risk of hospitalization due to AUD. This risk was lower than that of officially approved AUD medications. Semaglutide and liraglutide may be effective in the treatment of AUD, and clinical trials are urgently needed to confirm these findings.
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Referenz
Lähteenvuo, M.; Tiihonen, J.; Solismaa, A.; Tanskanen, A.; Mittendorfer-Rutz, E. & Taipale, H. (2025). Repurposing Semaglutide and Liraglutide for Alcohol Use Disorder. JAMA Psychiatry; 82(1):94.
