Textversion
GLP-1-Agonisten bei antipsychotikabedingter Gewichtszunahme
In diesem Quick Take befassen wir uns mit Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1)-Agonisten zur Behandlung der antipsychotikabedingten Gewichtszunahme bei Patienten mit Schizophrenie. Grundlage unserer Diskussion ist ein systematisches Review mit Metaanalyse von Sampaio Sobral und Kollegen aus Brasilien, publiziert in Schizophrenia Research. Der aktuelle Zeitpunkt erscheint mir günstig, um diese Wirkstoffklasse zu beleuchten, da der klinische Einsatz der GLP-1-Agonisten das Management zunächst des Diabetes und anschließend der Adipositas grundlegend verändert hat.
PDF und weitere Dateien herunterladen
Zwanzig Jahre Entwicklung – von Exenatid zu Semaglutid
Es sei daran erinnert, dass GLP-1-Agonisten bereits seit geraumer Zeit verfügbar sind: Exenatid war der erste zugelassene Vertreter dieser Klasse – zugelassen im Jahr 2005, also vor über 20 Jahren. Den entscheidenden Durchbruch erlebten die GLP-1-Agonisten jedoch erst 2021, einschließlich der Frage, ob wir als Psychiater sie für Patienten mit Schizophrenie verordnen sollten.
Was geschah 2021? In jenem Jahr wurde der GLP-1-Agonist der nächsten Generation, Semaglutid, nicht nur zur Behandlung des Diabetes, sondern auch zum Gewichtsmanagement zugelassen – womit die GLP-1-Agonisten gleichsam aus dem Schatten der reinen Diabetologie heraustraten. Dies verdeutlicht einmal mehr, dass der Fortschritt in der Medizin mitunter einen langen Atem erfordert.
Acht randomisierte Studien, 523 Patienten
Für uns als Psychiater ist bedeutsam, dass mittlerweile ausreichend klinische Erfahrung in Form randomisierter Studien zu GLP-1-Agonisten bei Schizophrenie vorliegt, um eine fundierte Bestandsaufnahme vornehmen zu können – genau das haben Sampaio Sobral und Kollegen mit diesem systematischen Review und dieser Metaanalyse geleistet.
In die Analyse gingen acht randomisierte Studien mit insgesamt 523 Patienten mit Schizophrenie ein, die antipsychotisch behandelt wurden und einen von drei GLP-1-Agonisten (Exenatid, Liraglutid oder Semaglutid) versus Placebo oder Standardbehandlung erhielten.
PDF und weitere Dateien herunterladen
Gewichtsreduktion von 6,47 kg
Die methodischen Details dieser Metaanalyse lasse ich – wie gewohnt – beiseite und konzentriere mich auf die drei zentralen Aussagen:
- Als Klasse erwiesen sich die GLP-1-Agonisten als wirksam zur Reduktion des Körpergewichts. In der Gesamtgruppe betrug die Gewichtsabnahme 6,47 kg (14,3 Pfund).
- Die Gewichtsreduktion war zwischen den drei untersuchten GLP-1-Agonisten uneinheitlich. Den stärksten Effekt zeigte Semaglutid, gefolgt von Liraglutid; Exenatid hatte den geringsten Effekt.
- Die metabolischen Vorteile gingen über die Gewichtsabnahme hinaus, erfassten jedoch weder Lipidwerte noch den Blutdruck. Für diese Parameter war die Behandlungsdauer in den klinischen Studien möglicherweise schlicht zu kurz.
Limitationen
Ich möchte drei wesentliche Limitationen hervorheben, die in dieser Metaanalyse nicht adressiert wurden.
Neuere Wirkstoffe noch nicht untersucht
Erstens ist diese Metaanalyse gewissermaßen veraltet, da neuere, noch wirksamere duale GLP-1-Agonisten nicht berücksichtigt werden konnten – schlicht deshalb, weil sie in dieser Population noch nicht untersucht wurden. Als Beispiele seien Tirzepatid oder der kürzlich zugelassene oral verfügbare Nicht-Peptid-GLP-1-Agonist Orforglipron genannt.
Exenatid ist inzwischen nicht mehr verfügbar, da das Unternehmen eine unternehmerische Entscheidung zur Einstellung der Produktion getroffen hat. Diese Entscheidung war nicht sicherheits- oder wirksamkeitsbedingt – als Erstvertreter der Klasse war Exenatid schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig, da bis zu zweimal tägliche Injektionen erforderlich waren.
Patientenselektion und Mortalität ungeklärt
Zweitens ist nach wie vor unklar, ob der Nutzen bei Hochrisikopatienten am größten ist oder ob er für jede antipsychotisch bedingte Gewichtszunahme gilt. Viele Studien schlossen bevorzugt Patienten unter metabolisch besonders risikobehafteten Antipsychotika ein, konkret Olanzapin oder Clozapin.
Drittens wissen wir nicht, ob die – durchaus ermutigenden – Befunde langfristig zu einer Senkung der Mortalität führen werden, dem für Patienten entscheidenden Endpunkt. Dafür werden deutlich größere Langzeitstudien benötigt. Es gibt jedoch biologisch plausible Argumente dafür, dass diese Wirkstoffe die Mortalitätskurve positiv beeinflussen sollten – ich bin daher vorsichtig optimistisch.
PDF und weitere Dateien herunterladen
Implementierung als größte Herausforderung
Ich vermute, dass diese Wirkstoffklasse das Potenzial hat, das Gewichtsmanagement bei Patienten mit Schizophrenie grundlegend zu verändern – doch es bleibt in den kommenden Jahren noch viel zu tun, darunter die Entwicklung von Algorithmen für eine gestufte Behandlung und die Patientenselektion. Hinzu kommt die klinisch schwierige Frage, wie Ernährung und körperliche Aktivität in dieser Population insgesamt verbessert werden können, da eine GLP-1-Injektion oder -Tablette allein möglicherweise nicht ausreicht oder zumindest nicht so wirksam ist, wie sie sein könnte.
Die größte Herausforderung sehe ich jedoch in der Implementierung und Dissemination. Wer übernimmt in Ihrem Versorgungssystem welche Aufgaben im Zusammenhang mit GLP-1-Agonisten? Welche Rolle kommt Ihnen als Psychiater oder Nurse Practitioner zu?
Werden Sie den GLP-1-Agonisten selbst verordnen oder auf kollaborative Versorgungsmodelle zurückgreifen? Neue Versorgungsabläufe müssen entwickelt werden – und das ist bekanntlich stets ein mühsamer Prozess.
Als Klasse wirksam – Details noch offen
Mein klinisches Fazit aus dieser Metaanalyse: GLP-1-Agonisten sind als Gruppe wirksame Arzneimittel zur Reduktion der antipsychotikabedingten Gewichtszunahme, doch viele Details müssen in künftigen Studien geklärt werden – insbesondere mit neueren GLP-1-Agonisten und in Langzeitstudien, die harte Endpunkte wie die kardiovaskuläre Mortalität untersuchen. Trotz des gepoolten Klasseneffekts bestehen Wirksamkeitsunterschiede zwischen den einzelnen GLP-1-Agonisten.
Ich halte dies für eine wegweisende Zeit: Wir verfügen nun endlich über ein Instrument, um die metabolische Situation unserer Patienten mit Schizophrenie unter antipsychotischer Therapie wirksam anzugehen und potenziell die erhöhte kardiovaskuläre Mortalität zu senken, zu der unsere Medikamente beitragen.
Abschließend möchte ich betonen, dass es meines Erachtens im Sinne der distributiven Gerechtigkeit eine moralische Verpflichtung unseres Fachgebiets darstellt, dies konsequent umzusetzen – um sicherzustellen, dass Patienten mit Schizophrenie vom medizinischen Fortschritt, den GLP-1-Agonisten verkörpern, in gleicher Weise profitieren wie Menschen ohne psychiatrische Erkrankung.
PDF und weitere Dateien herunterladen
Abstract
Zusammenfassung des Originalartikels, in englischer Sprache wiedergegeben.
Effects of glucagon-like peptide-1 receptor agonists on metabolic outcomes in antipsychotic-treated patients with schizophrenia: A systematic review and meta-analysis
Milene Vitória Sampaio Sobral, Rodrigo Bettanim Menechini, Jordana Belgamasco Cavalcanti Marçal, Anna Victoria de Vasconcelos, Letícia Hanna Moura da Silva Gattas Graciolli, Rafaela Correia Maciel, Amanda Monteiro, Wellgner Fernandes Oliveira Amador & Thaísa Aparecida de Souza Acuia
Background
Individuals with schizophrenia have markedly increased cardiometabolic morbidity, largely attributable to antipsychotic-induced weight gain, insulin resistance, and dyslipidemia, particularly with clozapine- and olanzapine-based regimens. This systematic review and meta-analysis evaluated the efficacy and safety of glucagon-like peptide-1 receptor agonists (GLP-1RAs) in antipsychotic-treated patients with schizophrenia.
Methods
PubMed, Embase, and the Cochrane Central Register of Controlled Trials were searched from inception to September 16, 2025 for randomized clinical trials comparing GLP-1RAs with placebo or standard care. The review followed Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses guidelines and was prospectively registered in PROSPERO (CRD420251177261). Random-effects models were used to pool mean differences (MDs) and risk ratios (RRs).
Results
Eight randomized clinical trials including 523 participants were analyzed. GLP-1RAs significantly reduced body weight (MD -6.47; 95% CI, -9.61 to -3.32), body mass index (MD -2.83; 95% CI, -3.81 to -1.86), waist circumference (MD -5.35; 95% CI, -6.60 to -4.09), and glycated hemoglobin levels (MD -0.32; 95% CI, -0.39 to -0.26) compared with placebo or standard care. Exploratory subgroup analyses suggested marked differences across individual agents: exenatide showed a smaller and non-significant reduction in body weight, liraglutide showed a significant moderate reduction, and semaglutide showed the largest reduction. No significant effects were observed for fasting insulin, lipid parameters, or blood pressure. Gastrointestinal adverse events were more frequent with GLP-1RAs.
Conclusions
In this systematic review and meta-analysis, GLP-1RAs were associated with clinically meaningful improvements in anthropometric and glycemic outcomes in antipsychotic-treated patients with schizophrenia, with acceptable tolerability primarily characterized by gastrointestinal adverse events.
Referenz
Sobral, M.; Menechini, R.; Marçal, J.; de Vasconcelos, A.; Graciolli, L.; Maciel, R. et al. (2026). Effects of glucagon-like peptide-1 receptor agonists on metabolic outcomes in antipsychotic-treated patients with schizophrenia: A systematic review and meta-analysis. Schizophrenia Research; 297:8-16.
